Weiße Kapseln, Glasschalen mit weißem Pulver und Löffel auf Holztisch
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Jedes dritte Baby ohne Bifidobakterien trotz Stillen

Schwedische Studie: 30 Prozent der gestillten Säuglinge ohne nachweisbare Bifidobakterien im Darm, Risiko für vermehrtes Schreien und Entzündung steigt.

Kirill Seregin
Beitrag von
Aktualisiert am
12.10.2026
Veröffentlicht am
12.10.2026

Inhaltsverzeichnis7
  1. 1Das Wichtigste in Kürze
  2. 2Was die schwedische Kohortenstudie gemessen hat
  3. 3Warum Stillen allein keine Garantie ist
  4. 4Drei Mikrobiom-Profile und ihre Folgen
  5. 5Was das für Ernährungsprodukte und Forschung bedeutet
  6. 6Einordnung in frühere Untersuchungen
  7. 7FAQ: Häufig gestellte Fragen

Eine schwedische Kohortenstudie mit 253 Säuglingen zeigt: Fast jedes dritte Baby hat im ersten Lebensjahr keine nachweisbaren Bifidobakterien im Darm, selbst wenn es gestillt wird. Das stellt die bisherige Annahme infrage, Stillen allein sichere die wichtigsten Darmbakterien zuverlässig.

Was die schwedische Kohortenstudie gemessen hat

Die Familien schickten die Stuhlproben etwa alle drei Monate per Post ein. Die Forschenden werteten sie mit tiefer Metagenomsequenzierung aus, einem Verfahren, das nicht nur einzelne Bakteriengruppen zählt, sondern auch deren Gene erfasst.

Kontrollverfahren und abgeglichene Einflussfaktoren

Um das Fehlen von Bifidobakterien nicht nur einer einzigen Messmethode zu verdanken, prüfte das Team die Ergebnisse zusätzlich mit unabhängigen Verfahren. Erst wenn beide Methoden übereinstimmend keine Bifidobakterien zeigten, galt eine Probe als auffällig.

Parallel dazu glichen die Forschenden die bakteriellen Profile mit Geburtsmodus, Krankenhausaufenthalt und gemeldeten Symptomen der Säuglinge ab. So ließ sich prüfen, welche Faktoren mit dem Fehlen der Bakterien zusammenhängen und welche nicht.

Warum Stillen allein keine Garantie ist

Unter den Kindern ohne Bifidobakterien kamen 42 Prozent per Kaiserschnitt zur Welt, gegenüber 19 Prozent bei Kindern mit gesunden Werten. Auch längere Krankenhausaufenthalte traten in dieser Gruppe häufiger auf.

Mögliche Ursachen für die fehlenden Stämme

Etwa die Hälfte der Kinder in der Studie wurde ausschließlich gestillt, die andere Hälfte teilweise mit Formulanahrung versorgt, ohne messbaren Unterschied im Bifidobakterien-Status zwischen beiden Gruppen. Weder Kaiserschnitt noch Krankenhausaufenthalt allein erklärten also, warum 30 Prozent der Proben ohne die Bakterien dastanden.

Studienmitautor Willem de Vos nennt zwei mögliche Mechanismen für diese Lücke: Manche Mütter geben womöglich keine HMO-verwertenden Bifidobakterien-Stämme weiter, die Milchzucker aus der Muttermilch abbauen können. Wiederholter Antibiotikaeinsatz könnte zusätzlich das Wachstum bereits übertragener Stämme unterdrücken, etwa durch mehrfache Behandlungen im ersten Lebensjahr.

Drei Mikrobiom-Profile und ihre Folgen

Die Forschenden teilten die Säuglinge in drei Gruppen ein. In der ersten Gruppe machten Bifidobakterien im Schnitt 76 Prozent des Darmmikrobioms aus, diese Kinder zeigten die günstigsten gemeldeten Gesundheitswerte.

Beschwerden und Genprofile der übrigen Gruppen

Die zweite Gruppe hatte niedrigere Bifidobakterien-Anteile und mehr Bakterien aus der Gruppe Bacteroidota, verbunden mit stärkerer Reizbarkeit der Säuglinge. Die dritte Gruppe, ganz ohne nachweisbare Bifidobakterien, zeigte signifikant häufigeres Schreien nach dem Füttern sowie Trends zu übermäßigem Schreien und Blut im Stuhl.

Auf Genebene fanden sich bei den Kindern ohne Bifidobakterien mehr Gene, die mit Entzündungsprozessen in Verbindung stehen. Bei Kindern mit gesunden Werten (durchschnittlich 76 Prozent Bifidobakterien-Anteil) überwogen dagegen Gene für entzündungshemmende Stoffwechselprodukte.

Was das für Ernährungsprodukte und Forschung bedeutet

De Vos fordert, dass künftige Studien zu Säuglingsernährung erfassen, ob ein Kind zu Beginn der 253er-Kohorte vergleichbar überhaupt Bifidobakterien besitzt, und die Auswertung danach aufschlüsseln. Ein Präbiotikum nütze wenig, wenn keine passenden Bakterien vorhanden seien, die davon profitieren könnten, so sein Argument für die rund 30 Prozent betroffenen Säuglinge.

Einordnung in frühere Untersuchungen

Die Studie reiht sich in einen seit Jahren beobachteten Trend ein: Eine 2022 im Fachjournal Science veröffentlichte Stanford-Studie verglich Säuglinge aus Industrienationen mit Kindern der Hadza, einer Jäger-und-Sammler-Gruppe in Tansania, und fand bei Ersteren deutlich seltener den milchzuckerabbauenden Stamm Bifidobacterium infantis. Ob sich die mütterliche Übertragung dieser Stämme über Generationen verändert hat, untersuchte die schwedische Studie nicht direkt, dazu fehlten Daten zu Müttermikrobiom und Muttermilchzusammensetzung.

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FAQ: Häufig gestellte Fragen

Nein, der Nachweis in der Studie erforderte eine Laboranalyse per Metagenomsequenzierung an 744 Stuhlproben, ein Verfahren, das im Alltag nicht verfügbar ist. Einzelne Anbieter vermarkten kommerzielle Stuhltests für Babys, die Bifidobakterien-Anteile schätzen sollen, deren Genauigkeit im Vergleich zur in dieser Studie genutzten Sequenzierungsmethode lässt sich anhand der vorliegenden Daten aber nicht bewerten.

Die schwedische Studie mit 253 Säuglingen hat selbst keine Probiotika-Gabe getestet, sie hat nur den Ist-Zustand über 18 Monate erhoben. Eine separate, kleinere US-Studie (ARTEMIS-Trial, 114 Teilnehmer zwischen 2 und 24 Monaten) fand, dass ein Bifidobacterium-HMO-Präparat nach vier Wochen bei 72 Prozent der Säuglinge und 67 Prozent der Kleinkinder im Stuhl nachweisbar war, ohne vermehrte Nebenwirkungen gegenüber Placebo. Laut Studienautor de Vos hängt der Nutzen eines Präbiotikums aber vom Ausgangszustand ab: Fehlen die Bakterien ganz, hilft zusätzliches Futter für sie wenig.

Dazu liefert diese Studie keine eigenen Daten, da sie sich auf überwiegend gestillte Kinder konzentrierte und bei den rund zur Hälfte gestillten beziehungsweise mischernährten Säuglingen keinen Unterschied im Bifidobakterien-Status fand. Bekannt ist aus der Grundlagenforschung, dass Muttermilch über spezielle Zuckermoleküle (HMOs) gezielt Bifidobakterien füttert, während Formulanahrung diese Oligosaccharide bislang nur teilweise nachbildet.

Die Studie beobachtete die Kinder bis sechs Monate nach der ersten auffälligen Probe, zu diesem Zeitpunkt fehlten bei rund der Hälfte der betroffenen Säuglinge die Bakterien weiterhin. Was danach passiert, etwa bis zum Übergang auf feste Nahrung mit etwa sechs Monaten oder ins Kleinkindalter, deckt die veröffentlichte Studie mit ihren 744 Proben nicht ab.